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Saarbrücker Zeitung vom 04. Oktober 2000

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Saarbrücker Zeitung vom 04. Oktober 2000 
Wücks Wechsel ins Glück
Der Bielefelder spielt mit dem Meniskus eines Unfalltoden - Drei Tore in sieben Spielen

Über dem Trainingsgelände an der Friedrich-Hagemann-Straße im Bielefelder Stadtteil Oldentrup blinzelt die Sonne. Christian Wück, 27, wusste schon am Morgen, dass ihn ein herrlicher Tag erwarten würde. Dass es ein herrlicher Tag werden würde, hatte ihm sein linkes Knie gesagt, denn Wetterumschwünge - noch am Abend zuvor hatte es wie aus Eimern gegossen - spürt er sofort. "Erst seit der Meniskus-Transplantation", lächelt er verlegen. Der Fußball-Profi des Zweitligisten Arminia Bielefeld durchlebte in den vergangenen Jahren eine Odyssee in Krankenhäusern und Rehabilitations-Zentren. Um so erstaunlicher ist es, dass Wück heute über den Fußballplatz hechtet, als wäre nie etwas gewesen. "Das Knie ist nicht mehr so wie früher", bremst er gleich im nächsten Satz. Zwei Operationen und drei Arthroskopien haben ihre Spuren hinterlassen. 1995 begann das Leid des Christian Wück, damals hoffnungsvolles Talent des Karlsruher SC: 

Kreuzbandriss, Innenbandanriss, Außenmeniskusriss. Etwas mehr als ein Jahr später erlitt Wück im Training einen Schlag auf das Knie. "Es hat sich ein Stück Knorpel gelöst, wo der Meniskus fehlte", erinnert sich Wück. "Mein Arzt, Dr. Pässler, hat mir klipp und klar gesagt, dass ich mit dem Fußball aufhören sollte. Ein Knorpelschaden sei irreparabel." Für Christian Wück brach eine Welt zusammen. Fußball war alles, was er hatte. Kein Studium, keine Berufsausbildung, lediglich die mittlere Reife. "Dr. Pässler ist der Arzt, dem ich alles an meinem Körper guten Gewissens anvertrauen würde. Ich war fix und fertig. Aber als ich ein paar Stunden alleine auf meinem Zimmer gelegen habe, sagte ich mir: Das kann es doch nicht gewesen sein. Lass ihn mal reden, er kann sich ja auch mal irren." Wück kämpfte. Nach zwei Monaten intensivem Muskelaufbau war er zurück auf der Fußball-Bühne. 60 Minuten hielt er beim Spiel des KSC gegen Wolfsburg durch. "Aber danach musste ich auf Krücken zum Bus humpeln. Das war das Zeichen für mich, dass es nicht mehr geht. Ich sagte den Ärzten, sie sollen sich was überlegen, es könne doch nicht sein, dass ich mit 24 Jahren Invalide bin." 
Dr. Pässler und der Münchner Spezialist Dr. Müller-Wohlfahrt entschieden, dass eine Meniskus-Transplantation Wücks einzige Chance sei. "Sie haben mir nicht versprochen, dass ich wieder spielen könne. Aber es sprach auch nichts dagegen. Und eben dieser Funken Hoffnung hat mich die gesamte Zeit begleitet", blickt der ehemalige U-21-Nationalspieler zurück. Nach acht Wochen auf der Warteliste wurde Wück im belgischen Gent operiert. Ein 50-jähriger Belgier war bei einem Unfall ums Leben gekommen. Sein Meniskus rettete Wücks Karriere. "Ich kannte den Mann nicht und wollte nichts über ihn wissen. Der Meniskus war für mich nur ein Mittel zum Zweck. Er ist kein lebenswichtiges Organ, deswegen habe ich keine Gewissenskonflikte." Der Körper stieß den fremden Meniskus nicht ab - Wücks Neubeginn. 
"Ich war schon beim Arbeitsamt, um mich für den Notfall zu informieren. Gott sei Dank musste ich dort nicht mehr hin." Die Erleichterung in seinem Gesicht ist heute - zwei Jahre später - noch zu sehen. Reibungslos verlief der Wiedereinstieg ins Fußball-Geschäft aber nicht. Wück ist immer noch enttäuscht: "Ich habe für den KSC meine Knochen hingehalten und wurde fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel." Nach einem Jahr Reha lud ihn der VfL Wolfsburg zum Probetraining ein. "Keiner wusste, ob ich je wieder auf die Beine kommen würde. Jeder sagte, ich sei weg vom Fenster. Ich bin anderer Meinung gewesen, denn ich habe jeden Tag hart gearbeitet." Der VfL ermöglichte ihm das Comeback im Profi-Fußball, sortierte ihn aber früh aus. Schon im Februar 2000 wusste Wück, dass sein Einjahresvertrag im Sommer nicht verlängert werden würde. 

Dann rief die Arminia. Bielefelds Trainer Hermann Gerland machte dem 27-jährigen klar, dass er einen guten Mann für die linke Seite brauchte. In nur einer Woche war der Wechsel perfekt - Wück's Wechsel ins Glück. "Hier geht's mir richtig gut. Ich sehe alles nicht mehr so verbissen wie früher. Wenn ich schlecht spiele, mache ich mich nicht verrückt, und bei einer guten Leistung werde ich ach nicht euphorisch", versichert Wück. Wenn er über seinen Verein spricht, benutzt er das Wort "Kollektiv", um das gemeinsame Ziel, den Wiederaufstieg in die Bundesliga, zu verdeutlichen. Am Montag unterlag Bielefeld dem 1. FC Nürnberg 1:2 - ein Rückschlag. Wück erzielte das Tor für die Arminia. Bereits sein dritter Treffer im siebten Spiel.
Keine Frage: Christian Wück ist zurück.

KAI KLANKERT

 

 


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