Stuttgarter Nachrichten vom 31. Dezember 1991
Die wilde 13
Trainer Typen, Talente (VII): Christian Wück
Das Protokoll der Heldenverehrung kannte Christian Wück schon: Erst die Huldigungen der Fans. Fünf Minuten lang. Dann die Fernseh-Interviews. Fünf Sender nacheinander. Auch sonst trat das Bundesliga-Greenhorn, gerade 18 Jahre und drei Monate alt, mit einer gelassenen Selbstverständlichkeit auf, als hätte er in seinem jungen Leben nichts anderes getan, als den "Club" gerettet und die Bayern geärgert. "Der Eckstoß war super hereingegeben. Die Bayern haben geschlafen. Ich brauchte nur den Kopf hinzuhalten, und drin war der Ball."
Exakt fünfmal wiederholte der blonde Junge, noch auf dem Stadionrasen, die kurz und bündige Schilderung seines Tores. Ein anonymer Fußball-Amateur war plötzlich ein Medien-Profi. Beim fünften Statement blickte er über die Kamera und suchte die Tribüne nach seinem Vater ab, als würde er allein auf die Anerkennung seines alten Herrn Wert legen.
Christian Wück hatte in seinem zweiten Kurzeinsatz in der Bundesliga, gerade drei Minuten im Spiel, die drohende Niederlage des 1. FC Nürnberg gegen Bayern München abgewendet, zehn Minuten vor Schluss das 1:1 erzielt. Es war der 27. September. Seitdem ist der Franke, frisch, frech und fröhlich, der perfekte "Joker". Es gibt keinen erfolgreicheren in der Bundesliga. Schon bei seinem Debüt hatte er mit seinem ersten Tor zum 3:1 gegen Fortuna Düsseldorf die Spannung im Frankenstadion gelöst und dem "Club" den ersten Sieg der Saison gesichert. Wück war gerade sieben Minuten im Spiel.
Der junge Mann für die letzte Viertelstunde ist ein Phänomen. Gegen den VfB Stuttgart stand das torreiche Spiel auf Messers Schneide, 3:3. Abermals 13 Minuten vor dem Ende versuchte Willi Entenmann sein Glück mit Wück. Der "Joker" stach, Abstaubertor, 4:3-Sieg für Entenmann, Club und Wück. Der Trainer, obwohl vom Naturell her eher Biedermann als Glücksritter, setzt auf die 13. Denn exakt 13 Minuten vor Ablauf der Spielzeit in Leverkusen zog er wieder seinen "Joker" aus dem Ärmel. Und siehe da: Dorfners Schuss krachte an den Pfosten. Christian Wücks direkter Nachschuss traf. Nürnberg siegte 1:0.
Dreimal 13 Minuten vor Schluss eingewechselt, drei entscheidende Tore, die Unglücks- als Glückszahl, das Glück mit Wück - da könnte auch ein noch so nüchterner (Enten)Mann leicht abergläubisch werden. Nach seinem Verhältnis zur 13 wurde Entenmann nicht gefragt, wohl aber nach Christian Wücks erstem Spiel von Anfang an. Entenmann lächelte und belehrte, ganz der alte Schulmeister: "Wenn ich den Jungen von Anfang an bringe, fängt er an zu denken und trifft nicht mehr." Die jugendliche Unbekümmertheit will der Trainer solange schützen, wie das im Bundesliga-Rummel noch möglich ist. Das Torjäger-Talent aus der eigenen Jugend behält für den Rest der Saison seinen Stammplatz als Vertragsamateur bei den "Club"-Amateuren (Zweite Amateur-Liga) und auf der Bank der "Club"-Profis. Weil nach den Regeln des bayrischen Verbandes einer nicht samstags bei den Profis und sonntags bei den Amateuren spielen darf, geht Entenmann mit Wücks Bundesliga-Einsätzen höchst sparsam um.
Wenn er für die Landesliga gesperrt ist, geht Christian Wück in die B-Klasse. Als Linienrichter steht er dann bei den Heimspielen seines Stammvereins DJK Gänheim an der Seitenlinie und "mit beiden Beinen auf dem Boden", wie die Mutter findet. "Denn die wichtigen Tore haben ihn berhaupt nicht verändert", findet Elisabeth Wück.









